Lauschet

 

lauschet
leuchtende Perlen der Nacht
führet mich
führet mich
fort
gebt auf mich Acht
bald bin ich dort

lauschet
schimmernde Kronen der Nacht
traget mich
traget mich
heim
beim ersten Strahl
will ich vergangen sein

 

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               Das ist der Höhe.(Punkt)

natürlich fängt er langsam an, 
das liegt in seinem Wesen,  
eigentlich ist auch nicht viel dran, 
lauten zunächst die Thesen 

in die Höhe treibt er freudig  
und mutiert zum Überflieger, 
er fühlt sich total befähigt, 
ist der beste Spielespieler 

möglichst lang will er sich halten, 
er, der geborene Sieger, 
sein Punkt soll nicht erkalten, 
plötzlich ist's vorbei, da liegt er



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Gebrüll


Du maltest dein
Gesicht auf meines
Herzens Wände,
zwangst es in einen

festen Rahmen, doch
ich mischte eine neue
Farbe, bei jedem 
Pinselstrich

gingst du
Stück um Stück. Unter
lautem Gebrüll brach
das Uns.

Entzweit.


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Verfolgt


sie hört ein Kreischen, viel zu laut, 

es liegt nicht an der Krähe, 

doch sie bekommt 'ne Gänsehaut 


sie spürt die fremde Nähe, 

die sich in ihrem Magen staut, 

fühlt sich wie 'ne Trophäe, 


beinah unsichtbar lauert die Gefahr


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Bist du es

 

der den Wind verpfeift,
sich in der Stille leis entfaltet,
seine Blüten der Erde schenkt?

der das Meer verdrängt,
sich sanft an die Korallen drückt,
mit seinen Perlen die Muscheln schmückt?

der das Feuer versenkt,
sich schützend an die Hitze schmiegt,
seine Samen dem Verbrannten gibt?

Kannst du die Sorgen verjagen,
dann könnt Hoffnung uns tragen?

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Weinraub 

 

„Was möchtest du trinken?“, will Claus wissen.

Gedankenverloren spielt Friedrich am festen 

Wachs eines Flaschenhalses, in dem eine grüne 

Kerze steckt. Die Flamme kann sich nicht entscheiden, ob sie brennen oder erlöschen möchte. Wenn er jetzt spricht, denkt er, nimmt er ihr die Freiheit, selbst zu entscheiden, also schweigt er vorläufig. Das schwache, blaue Flämmchen wird kräftiger, wobei sie sich lebenslustig und mutig zur Deckenleuchte reckt .

„Claus, mir ist heute nach einem Weizenbier. Hast du die Unterlagen für die nächste Verhandlung mit?“

„Ja, Friedrich, eigentlich...“ 

Ein Kellner, im perfekt sitzenden Anzug, unterbricht sie und verbeugt sich leicht.

„Guten Abend die Herren, was darf ich Ihnen heute servieren?“

„Wir hätten gerne ein Weizenbier und einen Chateau Haut-Bages-Liberal“, verkündet Claus.

„Ein Weizenbier? Sie hatten letzte Woche beide den Chateau Haut-Bages-Liberal.“

„Ja,“, Friedrich puhlt weiter am Wachs und freut sich über die gelb-rote Flammenpracht. „den mochte ich nicht.“

„Den mochten Sie nicht?“, nervös tänzelt der Kellner, wobei die Hosenbeine leicht flattern, „guter Mann, wir sind ein renommiertes Weinlokal, mit einer exquisiten Weinauswahl, wie unsere Gäste immer wieder bestätigen. Der Winzer beliefert uns seit Jahren und bisher sind niemals Beschwerden eingereicht worden. Also, welchen Wein wünschen Sie?“, hakt der Kellner nach.

„Ich hätte gerne ein Weizenbier“, beharrt Friedrich.

„Was haben Sie gegen unseren Wein?“

„Gar nichts, er schmeckte mir nicht, weil er zu trocken war. Mir fehlte die fruchtige Nuance. Ich bekam Sodbrennen und hatte am nächsten Tag Kopfschmerzen.“

„Wieso beleidigen Sie uns?“

„Ich beleidige Sie doch nicht.“

„Natürlich tun Sie das und ich finde es sehr vermessen von Ihnen, uns unterschwellig Körperverletzung vorzuwerfen. Können Sie sich nicht anders ausdrücken?“

Der Anzug Kellner wirkt angriffslustig. Die Flamme tänzelt und flirtet mit dem Luftzug.

„Wieso denn Körperverletzung? Ich wiederhole mich selten noch einmal, doch ich hätte gerne ein Weizenbier.“

„Also, verzeihen Sie, aber ich muss mich einmischen...“, versucht eine Frau ihr Glück.

„Nein!“, unterbricht Friedrich, der nach Claus' Unterlagen greift und sich darin vertieft.

„Ich bin Charlott von Wangenfels und Mitinhaberin des Weinlokals....“, versucht sie zu erklären.

„Entschuldigen Sie! Ich hätte jetzt gerne ein Weizenbier und ein ruhiges, sinnvolles Gespräch mit meinem Freund. IST DAS MACHBAR?“, knurrt er.

Frau Charlott von Wangenfels Kinnlade klappt herunter, um so viel Raumluft wie möglich in ihre ältlichen Lungenflügel zu befördern, als Claus dazwischenruft:

„Ich bestelle zwei Weizenbiere und ein ungestörtes Gespräch.“

Quietschend entweicht die entführte Raumluft der netten Dame: 

„Das geht zu weit. Erst werden wir beleidigt und angegriffen und dann mischen Sie sich auch noch ein. Sie sind frech und haben wohl kaum die nötige Kompetenz uns Vorschriften zu machen.“

Der Anzug Kellner gerät in Bewegung: 

„Das stimmt, Frau von Wangenfels. Unsere Weine sind perfekt und müssen dementsprechend gewürdigt werden.“ Er dreht sich zu Claus: 

„Ich serviere Ihnen den Chateau Haut-Bages-Liberal.“ 

„Nein, wir möchten jetzt zwei Weizenbiere,“ erbost sich Claus.

Friedrich starrt zur Kerze. Aus der Flamme ist ein bedauernswertes Flämmchen geworden.

„Sie bekommen erst Bier, wenn ihr Freund sich bei uns für die beleidigenden Äußerungen entschuldigt hat“, verlangt der Kellner.

„ER soll sich entschuldigen, weil der Wein zu trocken und zu wenig fruchtig für ihn war?“, wiederholt Claus entsetzt. 

Friedrich hört Claus' Füße über den Boden scharren und würde sich nicht wundern, wenn sich kleine Wolken an seiner Nase bildeten. Frau Charlott von Wangenfels beugt kopfschwenkend den Oberkörper zu Claus:

„Und er soll sich auch für die unterstellte Körperverletzung entschuldigen.“

Im Lokal breitet sich eine abwartende, knisternde Stille aus. Niemand atmet und die Zeit bleibt an der fehlenden Luftbewegung hängen. Alle Gäste beobachten sie und hören den leisen Glockenton der Kühe auf der entfernten Weide. Friedrich steht brüsk auf. Sein Stuhl vollführt ungewollt einen akrobatischen Zwei-Bein-Tanz, bis er erschrocken umkippt. Die Flamme erlöscht und eine Rauchstraße weist den Weg zum Ausgang.

„Claus, wir gehen zum Pub hier um die Ecke. Ich wünsche allen eine appetitliche Weinzeit.“

Während seiner Drehung rempelt er versehentlich eine Frau an. Sie zwinkert ihm zu und wendet sich an Frau von Wangenfels:

„Liebste, Charlott, wo ist denn dein Franz?“

„Ach, liebe, Claudia, wie rührend und einfühlsam von dir, dich nach ihm zu erkundigen. Du weißt ja, dass wir gestern bei Luigi waren, um die Künste seines neuen Kochs zu beurteilen. Mein Göttergatte mochte den ersten Bissen schon nicht und prompt bekam er eine Lebensmittelvergiftung.“

„Aber, warum sagte er dem Koch nicht, das es nicht schmeckt?“

„Das hab ich ihn auch gefragt und er meinte, er hätte sich nicht getraut. Ich wies Luigi schon dezent darauf hin, dass er mit dem Koch seinen Laden bald schließen kann, aber er hört ja nicht auf mich. Unser Anwalt meinte allerdings, es wäre nur fair, ihn vorzuwarnen.“

Lautlos folgen Claus und Friedrich der Rauchspur.


 

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Tinte und Feder 


Es heißt, die Sonne sticht extrem, bevor ein Gewitter herannaht.
Friedas Kopf wird von einem riesigen Basthut geschützt, der mit bunten Papierblumen geschmückt ist. Verschiedene Pappbuchstaben formen den Schriftzug  *ABI1989*.
Die Haut ihrer Hände und Arme ist stark gerötet. Frieda starrt auf ihre verbrannte, zittrige, rechte Hand, die hilflos einen Kugelschreiber hält. Das kurze Metallkettchen am Stift klirrt leise an der Hülle. Es erinnert sie an Glocken. Glockentöne, hell und fröhlich.
Der leichte Rosenduft, der in ihre Nase steigt, weckt sie aus ihrer Gedankenstarre. Sie muss schreiben, sie muss, weil es ihr wichtig erscheint. Soviel, das sich in ihr staut, möchte sie auf einem Briefbogen verbannen.
Zwei Stunden sitzt sie vor dem Bogen mit einem Wasserzeichen. Wasserzeichen im wahrsten Sinne des Wortes, ein Segelboot mit geblähten Segeln. Das Boot hat es gut, da es seinen Ballast abwarf. Es wirkt beruhigend, fast friedlich. Das ist ihr Boot. Frieda kann es vor sich sehen, der Hafen, Priel, Tide. Sie spürt die frische Brise, wobei einige Tropfen der Gischt ihr Gesicht treffen. Die Möwen hört sie schreien, die Wellen klatschen und das Salz des Windes riechen. Frieda erkennt, sie darf den Briefbogen nicht durch einen Kugelschreiber verunstalten. Das wäre zu lieblos. Vor zwanzig Jahren schrieb sie liebend gerne mit Feder und Scriptol. „Wann hörte das auf und warum?“, fragt sie sich, doch es ist ihr entfallen.
Eiligst betritt sie ihr Schlafzimmer. Unterm Bett liegt ihr Schatzkästchen, das sie öffnet und lange den Inhalt betrachtet, bis sie sich ihre damaligen Schreibutensilien schnappt.
Die Schmerzen in ihren Armen spürt sie nicht. Sie öffnet die Scriptolflasche. Die Tinte ist hart und unbrauchbar. 

„Mist, ausgerechnet jetzt. Es ist wichtig, den Brief zu schreiben.“ 

Nochmals wühlt sie durchs Schatzkästchen und findet eine unbenutzte Flasche. Vorsichtig tunkt sie die Feder in die Tinte. Der vertraute Geruch steigt ihr in die Nase. Sie atmet ihre Erinnerungen ein, wie eine Erstickende. Ihr wird leichter zumute. Kurz senken sich ihre langen Wimpern. Ihre Hand ist ruhig, als sie die Feder aufs Papier setzt. Das kratzende Geräusch verursacht ihr eine wohlige Gänsehaut.

Ich wollt euch so viel schreiben, meine Kleinen,
doch es ist nicht mehr wichtig. Ihr seid in mir und ich in euch.
Ich hinterlasse euch ein Segelboot, dort könnt ihr mich immer winken sehen. 
Mein letzter Wunsch:
Seid glücklich, ich sehe und höre euch gerne lachen.


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Alt hat Charakter ;-) manchmal zumindest
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